German A2 Horror Story - Adult
Der Fluch des Spiegels
Jonas war siebenundzwanzig Jahre alt und sehr müde. Er lebte allein in einer kleinen Stadt am Rand eines großen Waldes. Tagsüber reparierte er Fahrräder und Autos in einer Werkstatt. Abends joggte er oft auf einem Weg am Waldrand. Er mochte die Ruhe dort, denn die Luft war frisch und kühl. Aber er kannte auch die alten Geschichten über das Jagdschloss im Wald. Die Leute im Dorf erzählten von Schatten, Stimmen und kaltem Wind in den Zimmern. Niemand wollte das Schloss besuchen, besonders nicht bei Sturm.
An einem Freitag im Herbst saß Jonas in seiner Küche. Regen klopfte an die Scheibe. Der Wind heulte wie ein Tier. Plötzlich vibrierte sein Handy auf dem Tisch. Eine Nachricht blinkte auf. „Bitte komm“, stand dort. „Ich bin im Schloss. Etwas stimmt nicht.“ Die Nachricht kam von Nele, einer Freundin aus der Schulzeit. Jonas starrte auf das Display und schluckte. Er schrieb zurück, aber er bekam keine Antwort. Er wartete zwei Minuten, dann fünf. Sein Bauch wurde hart vor Sorge.
„Ich gehe jetzt los“, sagte er zu sich selbst. Er zog Stiefel und eine Jacke an. Er nahm seine Stirnlampe und ein Taschenmesser. Draußen roch es nach nassem Laub und Erde. Der Regen wurde stärker, als er den Hof verließ. Jonas lief durch die leere Straße zum Feldweg und bog dann in den Wald ein.
Der Weg war rutschig und dunkel. Wasser lief wie kleine Flüsse über die Steine. Die Lampe warf einen hellen Kegel, aber die Dunkelheit fraß den Rest. Jonas hörte ein Knacken rechts von ihm und blieb stehen. „Nur ein Fuchs“, murmelte er und ging weiter. Der Sturm drückte die Kronen der Bäume hin und her. Zweige brachen und fielen auf den Pfad.
Nach einer halben Stunde kam er zu einer Holzbrücke über einen Bach. Das Wasser war braun und wild vom Regen. Ein Brett knarrte laut, als er den Fuß darauf setzte. Ein anderes Brett rutschte weg. Jonas sprang, landete, und die Brücke schwankte. Er hielt sich am nassen Geländer fest, bis die Bretter wieder still lagen. „Nicht nach unten sehen“, sagte er und ging weiter.
Schließlich sah er die Mauer des Jagdschlosses zwischen den Stämmen. Efeu hing wie Bänder von den Steinen. Das Tor stand offen und bewegte sich im Wind. Der Hof war groß, mit einem alten Brunnen in der Mitte. Regen sammelte sich dort zu einem dunklen Spiegel. Jonas rief: „Nele?“ Sein Ruf prallte von den Wänden ab. Er sah kleine Fußspuren im nassen Laub. Sie führten zur Haupttür.
Die Tür war schwer, aber nicht verschlossen. Jonas drückte sie auf. Ein kalter Luftzug schlug ihm entgegen. Drinnen roch es nach feuchtem Holz und Staub. Der große Saal lag vor ihm. Links stand ein langer Tisch mit vielen Stühlen. Rechts hing ein gewaltiger Spiegel mit schwarzem Rahmen. Das Glas war trüb wie Rauch, nicht klar wie Wasser. Jonas spürte ein Kribbeln am Nacken. Für einen Moment meinte er, eine Bewegung im Glas zu sehen.
„Nele?“, rief er noch einmal. Aus dem oberen Stockwerk kam ein leises Geräusch. Es klang wie Schritte, langsam und schwer. Er ging zur Treppe. Das Holz knarrte bei jedem Tritt. An den Wänden hingen alte Bilder von Jägern und Hunden. In jedem Bild stand am Rand eine blasse Gestalt. Das Gesicht der Gestalt war leer, wie Nebel anstelle eines Gesichts.
Oben lagen drei Türen in einem dunklen Flur. Eine stand einen Spalt offen, und ein schwaches Licht kam heraus. Jonas schob die Tür auf. Es war ein Schlafzimmer mit einem großen Bett. Auf dem Nachttisch lag ein dünnes Heft mit braunem Einband. Er hielt die Lampe darüber. Die Schrift war alt, aber lesbar. „Wenn der Sturm kommt, singen die Brüder im Keller“, stand dort. „Sie läuten die Glocke. Die Wächter kommen durch den Spiegel. Nicht in das Glas sehen.“
„Jonas“, flüsterte plötzlich eine Stimme direkt neben seinem Ohr. Er fuhr herum und hob die Lampe. Niemand war im Zimmer. „Hier unten“, flüsterte die Stimme, leiser als der Regen. Sie klang wie Nele, aber auch fremd. Jonas steckte das Heft ein und trat in den Flur zurück. Er hörte ein leises Singen aus der Tiefe des Hauses. Er ging die Treppe wieder hinunter und stand bald wieder im Saal.
Auf dem Tisch brannte jetzt eine Kerze, aber er hatte keine angezündet. Neben der Kerze lag eine kleine Glocke aus Messing. Auf dem Rand standen seltsame Zeichen. Jonas wollte die Glocke nicht anfassen. Er blickte zum Spiegel. Das Glas schimmerte nun wie nasses Metall. Neben dem Kamin war eine schmale Tür. Dahinter begann ein Gang aus Stein, der nach Eisen roch. Treppen führten hinab in den Keller.
Unten war es kälter als draußen. Die Luft war schwer und klamm. Jonas’ Lampe flackerte einmal und wurde dann wieder hell. Das Singen klang nun deutlicher. Jemand sprach zwischen den Tönen einzelne Wörter. „Öffnen. Wachen. Bleiben.“ Jonas bog um eine Ecke und kam in einen niedrigen Raum. Drei Gestalten in dunklen Mänteln standen vor einem steinernen Altar. Neben dem Altar kniete Nele. Ein Seil hielt ihre Hände fest. Ihr Blick war leer, aber lebendig genug für Angst.
„Nele!“, rief Jonas und machte einen Schritt. Die mittlere Gestalt hob eine Hand. „Bleib stehen“, sagte sie ruhig. „Du kamst wegen einer Nachricht. Aber die Nachricht kam nicht von ihr. Der Spiegel schrieb sie. Er kennt deinen Namen.“ Jonas’ Kehle wurde eng. „Lasst sie frei“, sagte er. „Ich nehme sie mit.“ Die Gestalt legte den Kopf schief. „Wir schützen das Dorf da oben“, sagte sie. „Wir geben den Wächtern Stimmen im Sturm.“
„Ihr opfert Menschen“, sagte Jonas heiser. „Ihr nennt das Schutz, aber es ist Angst.“ Die Gestalt hob die Glocke. Sie vibrierte leise, ohne dass sie geläutet wurde. „Sag den wahren Namen, wenn du läutest“, sagte sie. „Dreimal. Sonst öffnet sich der Brunnen. Sonst gehen die Wächter nach oben.“ Jonas kniete neben Nele und schnitt das Seil. Seine Finger waren nass und kalt. „Geh“, flüsterte Nele. „Bitte geh.“ „Ich bleibe“, sagte Jonas. „Ich lasse dich nicht hier.“
Die Gestalt hielt ihm die Glocke hin. „Wenn du wirklich weißt“, sagte sie. „Wähle gut. Worte sind Türen.“ Jonas nahm die Glocke. Der Sturm dröhnte durch den Stein. Schatten krochen über die Wände, lang und dünn. Die Kerzen flackerten und wurden wieder ruhig.
„Eins“, sagte Jonas. Er läutete einmal. Der Ton war klar und tief. „Nele Falkenstern, ich rufe dich“, sagte er. Nele blinzelte. Ein wenig Wärme kam in ihre Augen. Die Schatten wichen einen Schritt zurück. „Zwei“, sagte Jonas. Er läutete noch einmal. „Nele, Tochter von Mara und Dieter“, sagte er. Die Luft im Raum wurde heller. Die Gestalten bewegten sich unruhig. „Drei“, sagte Jonas. Er hob die Glocke. „Nele, mein wahrer Name für dich ist Freundin“, sagte er. Dann läutete er.
Ein langer Schatten schnellte auf Jonas zu. Kälte fuhr in seine Schulter. Nele sog die Luft ein, wie aus tiefem Wasser auftauchte. „Jonas“, flüsterte sie. Die mittlere Gestalt senkte den Kopf. „Das reicht für eine Nacht“, sagte sie. „Geh nun. Geh schnell, bevor der Spiegel neu ruft.“ Jonas half Nele auf. Sie wankte, aber sie stand.
Sie gingen den Gang zurück. Hinter ihnen wisperte Wasser an den Steinen. Vor ihnen lag die Treppe. Die Stufen waren glatt vor Nässe. Jonas hielt die Glocke fest, denn sie fühlte sich warm an. Im Saal hing der Spiegel noch an der Wand. Jetzt war das Glas klar wie tiefer See. Es zeigte nicht den Saal, sondern den Hof im Regen. Im Bild stand ein zweiter Jonas und winkte. Seine Augen waren schwarz.
„Nicht hinsehen“, sagte Jonas leise. „Nur zum Tor.“ Das Tor klemmte. Der Wind drückte von außen dagegen. „Zähl bis drei“, sagte Jonas. „Dann drücken wir.“ „Eins, zwei, drei“, sagten sie zusammen. Das Tor sprang auf. Der Hof stand halb unter Wasser. Der Brunnen in der Mitte wirbelte, wie etwas darin atmete. Auf dem Rand stand ein Schatten ohne Gesicht. Er hob die Arme langsam, wie wenn er sie umarmen wollte. „Nicht rennen“, sagte Jonas. „Der Boden ist glatt.“
Sie setzten die Füße sicher auf die Steine. Der Regen peitschte ihnen ins Gesicht. Die Glocke in Jonas’ Hand wurde kalt und dann wieder warm. „Bleib bei mir“, sagte er. „Ich bleibe“, sagte Nele und hielt seine Jacke. Hinter ihnen hallte ein Schrei, lang und hart. Aber sie sahen nicht zurück. Sie erreichten das Tor in der Mauer und traten in den Wald.
Der Rückweg war schwer. Der Bach war höher als vorher. Die Brücke schwankte, und ein Brett brach. Nele rutschte fast ab. Jonas griff ihren Arm und zog sie hoch. „Nur noch zehn Minuten“, sagte er. Aber er wusste es nicht. Die Lampe flackerte und ging aus. „Ich sehe den hellen Weg“, flüsterte Nele. „Es geht.“
Schließlich erreichten sie den Feldweg und dann die ersten Häuser. Der Regen ließ nach. Die Wolken rissen langsam auf. Vor Jonas’ Haustür setzten sie sich auf die Stufen. „Wir reden später“, sagte Jonas. „Jetzt nur atmen und warm werden.“ Nele nickte. Er brachte ihr eine Decke und Tee. Ihre Hände hörten langsam auf zu zittern.
In der Nacht hörte Jonas noch einmal ein leises Läuten. Es kam nicht von der Straße. Es klang, als stiege es aus einem sehr tiefen Brunnen. „Komm zurück“, flüsterte eine ferne Stimme. „Nur kurz. Nur einmal sehen.“ Jonas stand auf, deckte den Spiegel im Flur mit einem Tuch zu. Dann legte er die Glocke in eine Schublade und schloss sie ab. Er setzte sich wieder neben Nele und blieb dort bis zum Morgen.
Am nächsten Tag gingen sie zur Kirche im Ort. Der Pfarrer hörte zu und sagte wenig. Er holte ein altes Buch aus einem Schrank. „Manche Orte sind hungrig“, sagte er. „Sie wollen Namen. Sie wollen Stimmen. Gebt ihnen keine leeren Wörter. Sagt nur wahre Namen. Sagt sie gemeinsam.“ Er schrieb zwei alte Ortsnamen auf einen Zettel und reichte ihn Jonas. „Wenn der Sturm wieder kommt, sprecht diese Namen vor eurer Tür“, sagte er. „Und bleibt weg vom Wald.“
Die Tage wurden ruhiger. Jonas arbeitete wieder in der Werkstatt. Nele half im Buchladen am Markt. Wenn Wolken tief hingen, hängten sie Tücher über alle Spiegel. In manchen Nächten lauschten sie dem Wind. Manchmal hörten sie nur Regen. Manchmal hörten sie auch Schritte auf dem Flur. Aber dort stand niemand. Dann sprachen sie die alten Namen leise vor der Tür. Die Schritte gingen.
Einmal kam wieder ein großer Sturm. Der Bach trat über das Ufer. Die Schublade mit der Glocke blieb zu. Das Tuch über dem Flurspiegel lag glatt. Draußen heulte der Wind, aber das Haus blieb still. Kurz nach Mitternacht vibrierte Jonas’ Handy. Eine Nachricht erschien ohne Namen. „Du hast dreimal geläutet“, stand dort. „Wir warten, wenn die nächste Nacht kommt.“ Jonas sperrte das Handy und legte es weg. „Nicht heute“, sagte er. „Heute bleiben wir hier.“
Als der Morgen kam, roch die Stadt nach nassem Stein. Die Sonne brach durch die Wolken. Im Wald stand das Schloss noch. Der Brunnen war wieder nur Wasser und Stein. Der Spiegel im Saal hing dunkel an der Wand. Manchmal, wenn Nebel über den Boden kroch, huschte ein Schatten durch das Glas. Er hob die Hand, wie wenn er jemanden rufen wollte. Aber niemand antwortete, weil niemand hinsah.
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